Über den Tellerrand

 
 
 
Land_Scope Stadtmuseum München

bis 31. März 2019
Dienstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr

Der Donaukurier schreibt unter dem Titel "Wie Fotokünstler die Welt sehen":

"Ist die Apokalypse schon vorüber? Angesichts mancher Fotografien der Ausstellung 'Land_Scope', die derzeit vom Fotomuseum im Münchner Stadtmuseum gezeigt wird, könnte man's fast glauben. Besonders im Kapitel 'Wüstungen' sind ausdrucksstarke Aufnahmen von umfassbarer Destruktion, Ödnis, Tristesse zu sehen. Alles menschengemacht.

Das 1992 entstandese Bild von einem umgefallenen Förderkran im Braunkohletagebau im Land Brandenburg von Inge Rambow lässt einen ebenso erschauern wie auch ihre anderen Bilder verlassener Gruben: Nahezu vegetationslose Halden, Ebenen, Hügel und Schuttberge soweit das Auge reicht, im Vordergrund Holzbalken, Autoreifen, zerfallene Bauten und andere Reste einer verschwundenen, zumindest unsichtbaren Zivilisation.

Auch Walter Niedermayrs Aufnahme eines Skigebiets im Betrieb in der italienischen Marmolada verstört, oder Victoria Sambunaris Bild einer Goldmine in Fairbanks in Alaska von 2003. ...

Natürlich gewachsene Landschaften gibt es nicht mehr. Das gilt im Prinzip für fast alle Aufnahmen dieser sehenswerten Schau, die eine breite Übersicht der Landschaftsdarstellung in der zeitgenössischen Fotokunst aus den letzten fünf Jahrzehnten darstellt. Sämtliche Werke stammen aus der Kunstsammlung der DZ Bank. Gruppiert sind sie in sieben große Kapitel; und deutlich wird, dass fotografischen Landschaften - egal ob analog oder computerbasiert geschaffen - gesellschaftliche Debatten und politische Diskurse zugrunde liegen.

Einer der wichtigsten Aspekte: die anhaltende Debatte um ein neues Erdzeitalter, das Anthropozän, in dem der Mensch zum bestimmenden Gestalter von Natur, Erdoberfläche, Atmosphäre wird - oder schon geworden ist. Das regt freilich dazu an, die künstlerischen Kreationen zum Thema Landschaft unter solch aktuellen Fragestellungen zu betrachten - viele Werke entstanden ja längst bevor die Debatte begann. Der Fotokünstler als Seismograph also.

Auch in der Sektion Agrarlandschaften wird ... dieser Wandel sichtbar - etwa im Gegensatz zum einstigen urtümlichen Landleben. Claus Bury zeigt riesige zu beeindruckend ästhetischen Volumen aufgetürmte Heu- und Stohballen. 'Bauernarchitektur' nennt er diese Quader-, Dach- und Pyramidenformen, die er 2005 an verschiedenen Orten in Deutschland aufnahm. Kohlköpfe, Kartoffelsäcke, Getreide - alles auf schier endlosen (deutschen) Feldern - inspirierten Heinrich Riebesehl schon in den 1970er-Jahren zu Aufnahmen, die in ihrer faszinierenden Eintönigkeit ästhetisch und grafisch beeindrucken und natürlich zum Nachdenken anregen. ...

Im Kapitel 'Politische Territorien' widmet man sich historischen und aktuellen Konflikten, Stephan Schenk etwa den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs. Richard Mosse bildete mit einer militärischen Wärmebildkamera ein riesiges Flüchtlingslager in der Türkei großformatig ab. Für Andrej Krementschouk wurde die illegale Besiedlung der Sperrzone um den havarierten Atomreaktor in Tschernobyl zum Motiv. ...

Insgesamt gelingt es den 130 Werken das Thema Landschaft in der Fotografie überwältigend anschaulich vorzustellen." (19.12.2018)

 

 

Über das Geistige in der Kunst
100 Jahre nach Kandinsky und Malewitsch
 
Museum für Konkrete Kunst
Ingolstadt
bis 10. März 2019
Dienstag - Sonntag 10 Uhr - 17 Uhr
(1.11., 24., 25., 31.12 und Neujahr geschlossen)
 
"Schwebende Quadrate, die Sinustöne von sich geben, feine Drahtgebilde, die in den Raum greifen, verblüffende Objekte aus Beton, die federleicht und transparent scheinen oder weißes Rauschen aus dem Weltall. Eine große Zahl faszinierender Postionen zum Thema 'Das Geistige in der Kunst' hundert Jahre nach der Neuerfindung der Malerei durch Wassily Kandinsky (1866-1944) und Kasimir Malewitsch (1878-1935) versammeln sich in der Ausstellung im Museum für Konkrete Kunst in Ingolstadt (MKK), ... Da gibt es Sphärisches, Mystisches, Sakrales, Flüchtiges, Kostbares, Luftiges und Magisches. Das ist kontemplativ, bezaubernd und visionär. ...
     Erklärtes Ziel war es jedoch nicht, die lange und andauernde Rezeptionsgeschichte der Inkunabel der modernen Kunst, jenes legendäre 'Schwarze Quadrat auf weißem Grund' von 1913, zu erzählen. Es gehe vielmehr um die Suche nach dem 'Geistigen' als Antipoden eines rationalen Kunstverständnisses, mit dem die Konkrete Kunst gerne in Verbindung gebracht werde, sagte Simone Schimpf bei der Vernissage. 
     Die Kuratorinnen haben - diesem Gedanken folgend - eine wunderbar schlüssige und erhellende Ausstellung zusammengestellt, zeigen Kunstwerke, die auf vielfältige und überraschende Weise neue Welten eröffnen un sich mit zeitgenössischen Miteln konkret oder assozuiativ Malewitschs Suprematismus zuwenden. Vielen Künstlerinnen und Künstlern der Schau, die das ganze Haus an der Tränktorstraße füllt, ist eine Technikaffinität gemeinsam, die sie raffiniert einsetzen, um das Poetische, das Unsichtbare sichtbar zu machen und ungeahnte Räume und Visionen zu eröffnen. Faszinierend ist die Vielfalt an Materialien: von Eis bis Farbe, von Feinstaub bis Sternenrauschen, von Beton bis Eichenholz. ...
Die belgische Künstlerin Edith Dekyndt gibt eine unmittebare Antwort auf Malewitschs 'Schwarzes Quadrat auf weißem Grund'. Auf fünf Fahnen aus schweren grünen Wolldecken hat sie Quadrate aus 22.92 Karat Gold drucken lassen und diese wirkungsvoll an der Wand drapiert. 'Krasny Ougol' heißt die Installation, meint auf Russisch die 'schöne Ecke', in der traditionell die orthodoxen Ikonen platziert wurden und in die Malewitsch auch seine Ikone gehängt hat.
     Mit immensen Daten in einer Cloud arbeitet Rainer Eisch und schafft mit der wandfüllenden Arbeit ein schwebendes Universum aus Pflanzen, Molekularstrukturen oder kosmischen Erscheinungen. Ann Veronica Janssens macht Farbe erlebbar. In '16 Pink Blocks 600' hat sie die Farbe in Gaswürfel quasi eingefroren. Raimer Jochims, der in dem 70er-Jahren mit dem Quadrat in Variationen gearbeitet hat, ist mit einigen seiner farbig leuchtenden Arbeiten vertreten. Er selbst nennt diese Farbverläufe spirituelle Malerei. Koka Ramishvili arbeitet mit in den Raum ragenden farbigen Kuben. Lienhard von Monkiewitsch zerlegt das Quadrat und das Rechteck, schafft verblüffende transparente und samtige Ojekte aus hartem Material: Beton un Holz.
     Julius Stahl ist ein Soundkünstler und -forscher. Seine fragile Installation 'Schwarzes Quadrat' - schwarze Flächen an feinen Drähten - bringt den Raum und den Besucher ins Schwingen und erzeugt feine Töne. Den Raum erobert auch Brigite Schwacke. Speziell für die Ausstellung in Ingolstadt hat sie eine neue Installation mitgebracht. Schwebeteilchen, Himmelskörper, Zellstrukturen gleich aus feinem Draht geknotet. ...
     Spektakuläres Material nutzt Erik Sturm. Aus Stuttgarter Feinstaub, Wasser und Leim stellt er Farbe her und verarbeitet diese zu brüchigen schwarzen Quadraten. Als Kommentar zur Dieseldebatte sind die Arbeiten aber nicht zu verstehen. Und einen spektakulären Blick ins All wirft das britische Künstlerduo Semiconductor. Die beiden verwenden reales Rohmaterial der Nasa.
     Am Ende der inspirierenden Schau ist der Besucher gefragt. Er kann auf schwarze Quadrate seine Vorstellung des 'Geistigen' notieren. Am Eröffnungsabend hatte jemand ein kleines Gespenst gemalt." (Donaukurier vom 
1. Oktober 2018)