Über den Tellerrand

 
Liebe Kunstfreunde,
 
da wir zurzeit keine Ausstellungen besuchen können, im Folgenden zwei Tipps anderer Art.
Auf den Film über Hilma af Klint hatte ich ja schon hingewiesen. Nun gibt es auch eine Biographie.
 
Eines der interessantesten Online-Angebote in Bezug auf Kunst kommt vom MKK Ingolstadt. Jeden Freitag wird online ein Lieblingskunstwerk einer MItarbeiterin vorgestellt und am darauf folgenden Montag kann man sich mit ihr telefonisch darüber austauschen. Ich habe das letzten Montag ausprobiert und  konnte mit Direktorin, Frau Dr. Schimpf, über die Installation "Riesenspielzeug" von Timm Ulrichs sprechen. Sehr empfehlenswert, weil man sich vorher sehr intensiv mit dem Kunstwerk auseinandersetzt.
 
Alles Gute und Gesundheit!!!
Elisabeth Appel
 
 
Julia Voss
"Hilma af Klint".
Die Menschheit in 
Erstaunen versetzen.
Biographie
S. Fischer Verlag,
Frankfurt a. M. 2020.
600 S., geb., 25,- €
 
"... Einen postumen Siegeszug wie diesen hat es in der Kunst der Moderne tatsächlich vorher nie gegeben. Voss' Biographie liest sich wie ein Roman: eine Frau setzt sich über die Konventionen ihrer Zeit hinweg, malt nicht figürlich und bekennt sich zu gleichgeschlechtlicher Liebe. ...
     Mit dieser Geschichte können sich nicht nur junge Künstlerinnen Mut anlesen, sondern alle, die an der Verständnislosigkeit der Welt leiden. ...
Inhaltlich hält sich die Autorin dabei an die Tatsachen. Eine Irritation ergibt sich nur, wenn nach etwa einhundert Seiten über die erste spiritistische Sitzung berichtet wird, an der die Künstlerin teilnahm, bei der sich, dem Protokoll zufolge, 'eine Stimme' meldete, um mit Hilma zu sprechen. ... Erst ganz zum Schluss wird diese Darstellungsweise mit dem Argument begründet, es sei eine inakzeptable, 'übergriffige' Haltung, wenn man die Überzeugung der Künstlerin, sie stehe tatsächlich in direktem Kontakt mit ihren Gesprächspartnern aus dem Jenseits, als bloße Illusion abtut. Das leuchtet ein, denn ob man selbst an die 'Geister' glaubt, von denen sich die Schwedin leiten ließ, ist für das Verständnis ihres Handelns tatsächlich belanglos. Es geht um sie und ihre Handlungsmotivationen, nicht um uns. 
     Interessanter ist die Frage, wie man sich die Anleitung durch die höheren Wesen konkret vorstellen muss. Dazu schrieb die Malerin selbst: 'Die Bilder sind direkt durch mich hindurch gemalt worden.' ...
Die Geschichte ihres Lebens, die Julia Voss so eindringlich erzählt, erhellt die Umstände, aus denen das Werk entstand, und das schärft zugleich das Bewusstsein für die ganz anderen Umstände, unter denen wir dieses Werk heute betrachten." (FAZ vom 17.03.2020, S. 10, Nr. 65)
 
 
Callforart
Kunstseelsorge
Jeden Montag kann man sich mit einer Mitarbeiterin
des Museums für Konkrete Kunst Ingolstadt
über eines ihrer Lieblingskunstwerke austauschen
Nähere HInweise unter
 
 
Rupprecht Geiger, Alf Lechner
Rot X Stahl
Lechner Museum
Esplanade 9
Ingolstadt
Bis 14. Juni
Do bis So  von 10 bis 17 Uhr
 
"Sie leuchten, diese gigantischen Farbfelder. An der Fassade, im Innern des Museums. Meterhoch. In Pink, in kräftigem Rot. Farbige Kreise, in hellem Gelb, in knalligem Orange, drängen, fast dreidimensional, dem Licht entgegen, hängen Raum bildend und Raum füllend an den Wänden des Lechner-Museums in Ingolstadt. ...
Das erste Mal sind die Werke des Farbmagiers Geiger im Museum an der Esplanade ausgestellt. Posthum geht somit ein großer Wunsch Lechners und Geigers, die jahrzehntelang freundschaftlich, in künstlerischer Auseinandersetzung und im intensiven Austausch verbunden waren, in Erfüllung, gemeinsam in diesen Räumen auszustellen. ...
Das Ergebnis ist eine Schau, die dem Einzelnen - Lechner und Geiger - in seiner Vielfalt gerecht wird, aber ebenso Gemeinsamkeiten aufzeigt und einen wunderbaren und geglückten Dialog zwischen den Werken dieser beiden Protagonisten der Abstraktion ... schafft. ...
Die Ausstellung ... zeigt die Entwicklung beider Künstler auf, spürt Rupprecht Geigers Leidenschaft für Farbe als Kraftquelle und speziell für Rot, 'das high' macht, wie er einmal sagte, und der 'Wandlung der Farbmaterie zum Farbgeist' nach. Und sie macht Lechners Credo von der 'Komplexität der Einfachheit' und dessen Leidenschaft für Stahl, der ihm das 'zuverlässigste Material' war, sichtbar. ... (Donaukurier, Nr. 44, 22./23.02.2020, S. 19)
 
 
"Schaut her!"
Toni Schneiders.
Retrospektive.
Kunstfoyer
Maximilianstr. 53
München
Bis 7. Juni
Tägl. 9 bis 19 Uhr
 
"Wasser in all seinen Erscheinungsformen - als spiegelnde Seeoberfläche, als krustige Eisschollen oder vereiste Zweige, als Kondensstreifen am Himmel, aber auch als perlende Regenspur auf einem Fenster -, das war ein fotografisches Leitthema von Toni Schneiders. Gerade in der deutschen Nachkriegszeit galt er als stilprägend, weil sein Blick für Strukturen einer Fotografie besondere ästhetische Qualitäten verlieh. ...
Der am 13. Mai 1920 in Urbar bei Koblenz geborene Schneiders hat bereits als Fünfzehnjähriger fotografiert, aber erst nach seinem Einsatz als Soldat im Zweiten Weltkrieg konnte er 1948 ein eigenes Fotostudio in Lindau eröffnen ... Als Mitbegründer der Gruppe "fotoform", die von 1949 bis 1957 bestand und ab 1951 mit Ausstellungen hervortrat, war er Teil der Bewegung 'subjektive Fotografie'. Deren Ziel war es, an die Ästhetik der 1920er-Jahre und den Stil des Bauhauses anzuknüpfen und dabei abstrakte Formen und grafische Muster gekonnt herauszuarbeiten. ...
In den 1950er und 1960er-Jahren unternahm Schneiders viele Reisen in europäische Länder, aber auch nach Äthiopien und Japan. Dabei wird, neben dem Thema 'Wasser', das Menschenbild zu einem zweiten Schwerpunkt. ..." (Donaukurier, Nr.47, 26.02.2020, S. 18)
 
 
 
Peter Lindbergh - Untold Stories
Im Kunstpalast
Düsseldorf
Bis 1. Juni
 
Der Untertitel der FAZ vom 05.02.2020 Nr. 30, S. 11, lautet: Größer als das Leben: Hinter der überwältigenden Peter-Lindbergh-Ausstellung im Düsseldorfer Kunstpalast offnet sich ein weites Feld unendlicher Traurigkeit.
"... Peter Lindbergh war der Fotograf, der die Supermodels erfunden hat, indem er die schönsten und teuersten Mannequins der Welt aus dem Glamour des Rampenlichts der Laufstege riss und sie in die Wüsten Kaliforniens schleppte, in die Straßenschluchten Manhattans und in die Industriehallen des Ruhrgebiets. So machte er sie zu Super-Mädchen-von-nebenan, mit denen sich junge Leserinnen der Modemagazine viel leichter identifizieren konnten als mit Frauen, die in exaltierten Posen extravagante Entwürfe der Haute Couture präsentierten. ...
     Und nun in Düsseldorf? Nichts davon! Oder nur wenig. Nach all den Bildern, die mit den Nachrufen auf Peter Lindbergh im vorigen Spätsommer weltweit die Runde machten und die ihn zum womöglich bestbezahlten Fotografen der Welt gemacht hatten, sucht man vergebens. Lindbergh, so heißt es, habe sich bewusst einer Retrospektive verweigert. Eher habe ihm eine Art "Best of" vorgeschwebt. Und am besten, diesen Eindruck wird man angesichts der hundertvierzig Aufnahmen nicht los, gefielen ihm ganz offensichtlich Momente von berührender Melancholie. ...
     Dabei hatte er sich zumindest Fremden gegenüber bis zum Schluss stets als der lebenslustige, zugängliche, unkomplizierte Kumpel aus dem Ruhrgebiet gegeben. Eine Art Brummbär zum Anlehnen. Wie sehr ihn aber der Tod beschäftigt hat, belegt ein Film, den er 2013 im Todestrakt eines Gefängnisses in Florida drehte und der in Düsseldorf im riesigen Format auf eine Wand projiziert wird. Dreißig Minuten lang betrachtet sich der zum Tode verurteilte Häftling Elmer Caroll starr und konzentriert in einem Spiegel. Mit der Selbstverliebtheit eines Narziss, der vom eigenen Konterfei nicht lassen kann, hat das nichts zu tun. Hier handelt es sich um eine Übung in Selbstanalyse - bis hin zur Selbstaufgabe. Wenig später wurde Caroll hingerichtet. Seinem Blick hält man als Besucher kaum stand."