Über den Tellerrand

 
 
Jime Dine. I never look away.
Kunstfoyer der Kulturstiftung Versicherungskammer Bayern
Maximilianstr. 53, München
Bis 12. Mai
Täglich: 9:00 - 19:00 Uhr
Eintritt frei
Kostenlose öffentliche Führungen
 
Unter der Überschrift "Facetten eines Ich" schreibt der Donau-Kurier:
" 'Kaffeefleck, Kohle, Schleifmaschine und Schleifpapier' sind beteiligt, als Jim Dine 2016 ein Portrait von sich macht. Die Materialien verdeutlichen, mit welcher Intensität und Ausdauer der amerikanische Künstler sich selbst zum Modell nimmt - und er tut dies wieder und wieder. 61 Selbstbildnisse vereint die Ausstellung, die von der Albertina vorbereitet und in Wien gezeigt wurde - jetzt ist sie im Kunstfoyer der Versicherungskammer Bayern zu sehen unter dem Titel 'I never look away' (Ich sehe nie weg). Vor dem Gebäude, direkt an der Münchener Maximilianstraße, lädt ein zweieinhalb Meter hoher Kopf aus weiß patinierter Bronze in die Schau ein: Durch weiße Äste blicken konzentrierte Augen in eine unbestimmte Ferne.
 
Den Blick auf sich selbst übte Dine schon als Kind ein. 1935 in Cincinnati (Ohio) geboren, verliert er als Zwölfjahriger seine Mutter und lebt ab diesem Zeitpunkt bei seinen Großeltern. Er ist fasziniert von Spiegeln und wirft stets einen 'gründlichen Blick' auf sein Gesicht. Die Ausstellung eröffnet deshalb die Reihe der Selbstportraits mit einem Atelier-Foto: Dine sitzt vor einem Tisch mit Arbeitsmaterialien, links fallt Licht durch ein Fenster, rechts lehnt ein Spiegel an der Wand, in der Mitte zeichnet die Hand des Künstlers auf ein Papier das, was heute sein Gesicht ist - morgen wird er es anders sehen. ...
 
Die Beschäftigung mit der eigenen Person zieht sich wie ein roter Faden ab den 1970er Jahren durch das Werk von Jim Dine - parallel dazu hat er sich mit der Psychoanalyse von Sigmund Freud und C.G. Jung auseinandergesetzt. Angeregt durch diese Studien entstanden Portraits, die eine ungeheure Vielfalt sichtbar machen. Auf einer Zeichnung hat Dine einen Schulter-Umhang in Kardinalsrot, als sei er ein geistlicher Würdenträger. Auf einer anderen trägt er eine Art Seemannsmütze, auf einer dritten eine Schürze, dann wieder sind die spiegelnden Brillengläser dominant oder ein dichter weißer Bart, schließlich ein singender Mund oder blinzelnde Augen. 'Wer bin ich?' fragen diese Gesichter - und die Bildtitel antworten: Dine in Paris, Dine in Tel Aviv, Alter Reitersmann. Es sind mehr als Rollenspiele, es sind die Facetten eines Ich, die diese Zeichnungen, Aquarelle und Fotografien zeigen, und einige der sogenannten 'Großen Köpfe' hat Dine umrissen mit schwarzen, kreisenden Kohlestrichen, als ruhe der Kopf noch in einem Mutterschoß und müsse erst noch geboren werden.
 
Dass der äußerst agile Künstler, der überwiegend in Paris lebt, im Alter von 83 Jahren nach München kommt, um seine Werke selbst in einer intuitiven Ordnung zu hängen, zeigt, wie wichtig ihm bis heute seine Selbstwahrnehmung ist und wie neugierig er darauf aus ist, wie andere ihn interpretieren." (DK vom 8. März 2019)
 
 
 
El Anatsui. Triumphant Scale.
Im Haus der Kunst,
München
Bis zum 28. Juli
 
Unter der Überschrift "Phoenix aus Zivilisationsmüll" schreibt die FAZ:
"Es ist die letzte von Okwui Enzwezor kuratierte Ausstellung; an ihrer Eröffnung, wenige Tage vor seinem Tod, ... , konnte er nicht mehr teilnehmen. Noch einmal unterstrich der große, weit- und weltsichtige Kurator zum Abschied sein Vermächtnis einer 'globalen Sicht auf die Gegenwartskunst', indem er das OEuvre des ghanaischen Künstlers El Anatsui in den Fokus rückte. Wie geschaffen für die Dimension des Hauses der Kunst gießen Anatsuis Werke, die der Titel 'Triumphant Scale' treffend umreißt, ihren flirrenden Glanz über Wände und Böden.
 
Vielleicht denkt man beim Anblick ihrer umwerfenden Opulenz an wertvolle, golddurchwirkte Stoffe, oder es kommen einem Gustav Klimts güldene, farbdurchflitterte Bidlhintergründe in den Sinn. Tatsächlich aber ist das hier alles blanker Abfall. Tausende recycelte Flaschenverschlüsse, Teilchen aus Aluminium und Blechdosen, die Anatsui in rauhen Mengen säubern, aufschneiden, walzen, falten, drücken oder stückeln, schließlich lochen und mit kleinen Kupferdrähten zu spektakulären Behängen verknüpfen lässt. Ein großes Heer von Helfern in seinem nigerianischen Wohnort Nsukka arbeitet oft Monate an 'Tapisserien' wie dem imperial anmutenden 'Red Block' oder einem Labyrinth aus fiigranen Netzen, das den Mittelsaal durchwebt, als gäbe es nichts Leichteres als dessen gigantische Ausmaße in den Griff zu bekommen.
 
Auch sonst liegen Anatsui Berührungsängste mit dem kühlen, von den Nationalsozialisten für die 'deutsche Kunst' errichteten Gebäude fern. Im Gegenteil entfalten Werke wie  die eigens für die Schau entwickelte Glitzerlandschaft 'Rising Sea' vor karg weißer Wand und Böden aus Solnhofener Platten erst richtig ihre volle Pracht. Ebenfalls für München und angeregt von der nur wenige Meter entfernten Surfer-Welle im Englischen Garten, entstand 'Second Wave'. Die mehr als hundert Meter lange und stolze zehn Meter hohe Verkleidung der Eingangsfassade aus benutzten Offset-Druckplatten spricht mit den Überbleibseln von Informationsfluten globale Zirkulationen an, die auf andere Art durchaus auch hinter den Skulpturen aus Abfällen globaler Wirtschaftskreisläufe stehen. El Anatsui ist der Vorreiter des inzwischen zu einem eigenen Zweig afrikanischer Gegenwartskunst gediehenen Umgangs mit gefundenen Materialien. ...
 
El Anatsui, der 1944 in Ghana zur Welt kam, gilt als einer der bedeutendsten Künstler des afrikanischen Kontinents; 2015 erhielt er den Goldenen Löwen der Biennale Venedig für sein Lebenswerk und weltweit sammeln ihn namhafte Museen. Doch seine erste Überblicksausstellung und zugleich die bislang umfangreichste Schau seiner Werke bekam Anatsui erst jetzt durch Enwezor und Ko-Kurator Chika Okeke-Agulu aus Princeton. Von München wird die Schau nach Doha, Bern und Bilbao weiterwandern ...Schon bevor er 2011 ans Haus der Kunst kam, dessen Direktion er im vergangenen Sommer krankheitsbedingt niederlegte, arbeitete Enwezor an dem El-Anatsui-Projekt. Jetzt rundet es auf atemberaubende Weise sein Lebenswerk." (28.03.2019)
 
 
 
Gemalte Diagramme.
Bauhaus, Kunst und Infografik.
Museum für Konkrete Kunst
Ingolstadt
Bis 29. September
Di bis So 10 bis 17 Uhr
 
Donaukurier vom 1. April 2019:
"... 'Gemalte Diagramme. Bauhaus, Kunst und Infografik' heißt die neue Austtellung im MKK, die sich den Themen Infografik und Diagramme - die unseren Alltag von Organisationsplänen im Büro über die Fitness-App bis zu Wahlergebnissen im Fernsehen bestimmen - umfassend nähert und es im Jubiläumsjahr '100 Jahre Bauhaus' in die Förderung der Kulturstiftung des Bundes geschafft hat. Eine große Anerkennung und Bestätigung für die Idee und das Konzept der außergewöhnlichen Schau, der - unterstützt durch die ausgeklügelte und differenzierte Ausstellungsarchitektur - eine vielseitige und multiperspektivische Herleitung über das Bauhaus, die Konkrete Kunst bis zur zeitgenössischen Kunst gelingt. Und dabei dem interdisziplinären Ansatz des Bauhaus folgend den Bogen in die Angewandte Kunst schlägt. Die wegweisende Ausstellung will aber auch die Frage aufwerfen, wann und wie verknappte Informationen manipulativ oder erkenntnisreich sind oder wie vereinfachte Infografik oder das im Trend liegende Infotainment auch Fakten verschweigen oder verschleiern können.
 
Historischer Nukleus sind die bislang eher unbekannten Arbeiten der Bauhaus-Schülerin Margaret Camilla Leiteritz - gleichzeitig auch eine Entdeckung dieser Künstlerin - , die in den 40er-Jahren auf der Basis von Grafiken der Naturwissenschaften ihre 'Gemalten Diagramme' entstehen ließ. Aber bereits im Bauhaus gab es prominente Beispiele, etwa das berühmte Kreisdiagramm von Gründer Walter Gropius, das Schema zum Aufbau der Lehre am Bauhaus. Die historische Entdeckungsreise geht weiter über den Physiker Felix Auerbach und den Österreicher Otto Neurath und sein Team des Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseums Wien, das ab 1925 das Internationale System bildhafter Erziehung  (International System of Typgraphik Picture Education) entwickelt hat.
 
In weiteren Kojen - in denen zusätzlich historische Infografiken aus dem Archiv von Michael Stoll, Professor für Informationsdesign an der Hochschule Augsburg, und aktuelle aus dem Magazin 'Focus' flimmern - wird der Besucher an überraschende und verblüffende, teils subversive und ironische sowie spektakuläre Positionen zeitgenössischer Künstlerinnen und Künstler herangeführt.
 
Etwa das eigens für Ingolstadt und erstmals in dieser Größe umgesetzte begehbare Diagramm von Channa Horwitz, das dem Besucher einen Alice-im-Wunderland-Effekt beschert. Mit ökonomischen Aspekten setzt sich Christian Cap auseinander, der in seiner ebenfalls begehbaren Arbeit 'Wavesover.us' die Verläufe von Korn-, Weizen und Reispreisen visuell und akustisch in Wellenbewegungen umsetzt. Die fortschreitende Technisierung, die Schnelllebigkeit und die Globalisierung thematisiert die in Sarajevo geborene Künstlerin Maja Bajevic - deren Werke auf der Biennale und auf der documenta zu sehen waren - mit ihren knallbunten Bildern, auf denen fein säuberlich Aktienkurse gestickt sind. 
 
Von politischer und tragischer Dimension sind die Diagramme des documenta-Künstlers Mark Lombardi, der unter anderem die Verstrickungen von US-Präsident George W. Bush mit Erdölunternehmen in ästhetischen Bleistiftzeichnungen veranschaulicht hat und sich deswegen auch der Verfolgiung des US-amerikanischen Geheimdienstes ausgesetzt sah. 2000 beging er Selbstmord. Die Visualisierung grausamer Fakten mit schönen Mitteln verfolgen auch Ariamna Contino und Alex Hernandez, indem sie die Mordrate durch Schussswaffen in den USA, die Zahl der terroristischen Akte oder Genozide in schönen und feinen Scherenschnitten verpacken. ...
 
Nicht fehlen darf bei einer Schau im Mkk der Funke Humor und der Mitmachfaktor. Im Raum der Tortendiagramme können die Besucher eine Statistik der besonderen Art, ein wachsendes Balkendiagramm erstellen. Die Frage lautet: Wie lange schauen Sie sich ein Werk im Museum an? 1. Bis ich es erfasst habe. 2. Bis ich mir eine Meinung gebildet habe. 3. Bis die Leute denken, ich hätte ein großes Kunstverständnis."