Über den Tellerrand

Vanitas Contemporary
Im H2 Zentrum für Gegenwartskunst
im Glaspalast
Augsburg
Bis 19. Januar 2020
 
Unter der Überschrift "Müllmonumente. Kollektives Gewissen: Eine Ausstellung in Augsburg beschäftigt sich mit dem Konzept der "Vanitas" aus konsumkritischer Perspektive. schreibt die FAZ vom 08.08. 2019, Nr. 182, S. 12:
"... Der Industrieromantik ausstrahlende Glaspalast bildet die geeignete Kulisse für eine Ausstellung zur "Vanitas", ist sie als ehemalige Baumwollspinnerei doch eines der schönsten Überbleibsel im historischen Textilviertel Augsburgs. ...
Die von Thomas Elsen kuratierte Ausstellung tastet sich zunächst eher klassisch an den Vanitas-Begriff heran. Fotos von Herlinde Koelbl aus ihrem zuerst in Hamburg im Jahr 2007 gezeigten Werk "Haare" zeigen, was der Titel schon vermuten lässt: passend zum Thema, denn wo sonst wird die eigene Vergänglichkeit so deutlich wie an den toten Hautzellen? ...
 
Eine Ausstellung, die den Vanitas-Begriff jedoch aus der Gegenwartsperspektive betrachtet, kommt an aktuellen politischen Debatten nicht vorbei. Das Menschenleben ist vergänglich, doch wie steht es um die Natur? Wir müllen sie zu, verdrängen sie physisch, scheint die Antwort einiger hier ausgestellter Künstler zu sein. Ein ausgestopfter Hirsch von der deutsch-französischen Bildhauerin und Installationskünstlerin Gloria Friedmann macht den Auftakt. Das tote Tier thront verloren und erhaben zugleich auf einem Sockel aus Altpapier, anstatt sich in seiner natürlichen Umgebung, dem Wald , zu bewegen.
Zwei Installationen des Fotografen Lois Hechenblaikner beeindrucken mit seinem Blick auf den vulgären und exzessiven Konsum der Wintersporttouristen in seiner Heimat Tirol. ...
 
Insgesamt präsentieren die ausgewählten Werke eine Gegenwart, die motovisch eher von 'carpe diem' als von 'memento mori' geleitet ist. Der Umgang des sich überlegen fühlenden Menschen mit Natur und Tier droht in eine Tragödie zu münden ..."
 
 
Miriam Cahn - Ich als Mensch
Haus der Kunst
München
Bis 27. Oktober
 
"... Als die Jugendrevolten Ende er Sechziger Basel erreichten, engagiert sich auch die junge Graphikstudentin in Anti-Atomkraft- und Frauenbewegung...
Sie selbst zeichnet 1979 nachts illegal auf Autobahnbrücken, schreibt dazu 'Mein Frausein ist mein öffentlicher Teil' und wird verhaftet. Ja, das Private ist politisch, für Cahn gilt die Parole bis heute. ...
 
Gewandelt oder besser weiterentwickelt haben sich ihre Themen. Anfangs galt es vor allem, den feministischen Anspruch auf ein neues weibliches, auf keinen Fall männlich fremdgesteuertes Körperbewusstsein zu erfüllen, was denn auch gelang mit 'Eisprung- und Blutungsarbeiten', die das ureigene Frauen(körper)thema der Gebärfähigkeit unsentimental und frei von Natur- und Erdnähepathos angehen.
Der Krieg auf dem Balkan und das Entsetzen der Künstlerin über Europas Unfähigkeit, angemessen darauf zu reagieren, führt sie zu Bildern über Gewalt, Flucht und Vertreibung. ... Menschliche Archetypen treten auf, nackt, wie immer in der Kunstgeschichte, wenn etwas zeitlos verabsolutiert werden soll. Verwundbar sind diese Wesen, manche verstümmelt, andere tot. Für jeden Krieg stehen sie und verlieren ebenso nichts an Aktualität wie 'An der Genze' oder 'Mare nostrum': im tiefen Blau sinken durchscheinende Körper gen Meeresgrund, Flüchtende, ertrunken im Mittelmeer, 2013 gemalt, als wäre es heute. 
Mit ihren Aquarellen und Ölbildern assoziiert man Miriam Cahn am stärksten. Die Gestalten darauf haben etwas Geisterhaftes, wie fluoreszierend glimmen sie vor leerem Grund. Sie bevölkern auch den Saal, den Cahn 'Sexraum' nennt. Hier geht es rund, mit überdimensionalen Geschlechtsorganen wird kopuliert, masturbiert, und nicht selten kommt auch Gewalt ins Spiel. ..." FAZ vom 23.07.2019, Nr. 168, S. 11